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PUM 2018 – Yes, you can

Laufbericht von Sybille Krause, 04.2018
 

Yes, you can!

Am anderen Ende der Welt, auf den Philippinen lernte ich im letzten Jahr Günter Liegmann und seine Frau Birgit kennen. Günter ist einer der Organisatoren des Osnabrücker Piesberg Ultramarathons (PUM). „Du musst unbedingt einmal zu unserem Lauf kommen. Der wird Dir gefallen“ versuchen beide mich zu überreden.
Ok, Christel ist dort schon zweimal gelaufen, also kann ich das auch. Ich bewerbe mich also für einen der begehrten Startplätze ohne mir die Ausschreibung näher anzuschauen. So zwei bis drei Wochen vorher schaue ich aber doch einmal hinein. Ach Du Schreck! Mehr als 1.800 Höhenmeter und 3.354 Treppenstufen auf 60 km! Auf was hatte ich mich da eingelassen? Beim Anschauen der Fotos und Videos der Vorjahre dann der nächste Schock: eine Wendeltreppe! Das kann ich nicht! Christel beruhigt mich: die müssen wir nur hinunter. Ok, das kann ich. Vielleicht!?

Anfang April stehe ich also bei schönstem Frühlingswetter mit ca. 130 anderen Laufverrückten an der Startlinie. Die meisten davon Wiederholungstäter. Zu erkennen an den schönen T-Shirts. Gutgelaunt geht es los. Im Ohr die Worte eines Mitläufers, eines Pfarrers: „Lieber Gott, ich danke Dir, dass es mir so gut geht. Und dass es so eine tolle Welt gibt.“
Nach hundert Metern geht es schon das erste Mal bergan, bevor der eigentliche Rundwanderweg beginnt. Diese Wanderrunde plus einer kleinen Zusatzschleife müssen wir 6x absolvieren. Gleich am Anfang drei ziemlich heftige Anstiege. Dann geht es rechts in den Wald und erst sachte, dann stärker bergab. Dass wir einen Teil davon nachher wieder hoch müssen, merke ich erst in der zweiten Runde als uns einige der schnellen Läufer entgegenkommen. Bergab kann ich gut und so rase ich hier mit viel Spaß hinunter. Nach einem kurzen, fast ebenen Stück geht es wieder steil bergan. Hier läuft keiner mehr. Langsam, aber stetig Schritt für Schritt, ohne Pause und ohne hochzuschauen, schaffen wir diesen Anstieg problemlos. Diese Taktik wollen Christel und ich auch bei den Treppen anwenden. Bald kommen die ersten Treppenstufen, nicht so viele und nicht so steile, gut zu schaffen.

Schon gelangen wir an den ersten Getränkepunkt mit vielen fleißigen und gutgelaunten Helfern. Jeder hat seinen eigenen, mit der Startnummer versehenden Becher, um überflüssigen Müll zu vermeiden. Schon von weitem wird gefragt, was man trinken möchte und so steht alles schon bereit wenn man ankommt. Jetzt müssen wir all die mühsam erklommenen Höhenmeter in Serpentinen wieder hinunter. Und dann ist sie mit einem Mal da! Die Erdzeitalter-Treppe! Ganz langsam und auf eine gleichmäßige Atmung konzentriert stiefeln wir hinauf, um gleich darauf dem Zwilling dieser Treppe gegenüberzustehen. Insgesamt 269 Treppenstufen bis zum höchsten Punkt des Piesberges. Dem Hochplateau, auf dem sich die neuen Windrotoren der Stadtwerke drehen. Hier erwartet uns eine Aussicht, die im Umkreis von 100 Kilometern einzigartig sein dürfte. Besser als erwartet haben wir diese Hürde gemeistert und kommen wieder bei der Getränkestelle an.

Der erste Teil der Strecke ist geschafft; der zweite kommt mir dann leichter vor. Hier geht es öfter bergab. Zunächst geht es einige Treppen wieder hinunter. Um den Steinbruch herum. Von hier hat man einen phantastischen Blick in Millionen Jahre Erdgeschichte.

Wir gelangen an ein kleines Sumpfgebiet. Mist, ich latsche voll in die Modderpampe hinein. Aber was ist schon ein Trail ohne nasse Füße? Etwas ängstlich warte ich auf die Wendeltreppe. Und da kommt sie! Einige Meter muss man über ein Metallgitter laufen. Nur nicht nach unten schauen, den Blick stur geradeaus. Dann ganz vorsichtig, mit der Hand am Gelände festgekrallt, geht es Stufe für Stufe die Wendeltreppe hinunter. Petra, die wir in den ersten Runden hier immer wieder treffen, kann dieses nur mit geschlossenen Augen. In der dritten oder vierten Runde überholen uns an dieser Stelle einige sehr schnelle Läufer. Wir überlassen ihnen selbstverständlich den Vortritt und sie rasen die Stufen hinunter. Die ganze Wendeltreppe wackelt und mein Herz schlägt bis zum Hals.

Jetzt folgen noch etwa 2 km richtig schöne trailige Wege über Naturtreppen, Felsen und Wurzelwege bergab und bergauf.

Am Ende der Runde wartet dann eine tolle Verpflegungsstelle auf uns. Hier gönnen wir uns jedes Mal eine kleine Pause und genießen die angebotenen Köstlichkeiten: Cola, Wasser, Malzbier, Iso, Nüsse, Schokolade, Schaumküsse, Kuchen, Kekse usw. Ja, gegen eine kleine Spende für die Organisation „Jede Oma zählt“ kann man sogar Bratwurst essen, wenn man mag.

Eine sehr schöne, kurzweilige und abwechslungsreiche Runde. Die ersten drei Runden schaffen Christel und ich recht locker. In der vierten wird es mit drei Buschpausen dann aber doch etwas zäher. Außerdem tun mir die rechten Zehen beim bergablaufen weh. Komisch, das passiert mir sonst nie. Vielleicht hatte ich die Schuhe zu lose geschnürt. In der fünften Runde freuen wir uns schon, dass wir all die schwierigen Passagen nur noch einmal bewältigen müssen. In der letzten Runde verabschieden wir uns von jeder fiesen Steigung und von jeder Treppe mit den Worten „Tschüss, in diesem Jahr siehst Du uns nicht wieder.“ Es läuft wieder super. Angespornt werden wir von der Tatsache, dass wir nun immer wieder Läufer überholen, die in den ersten Runden zu schnell angegangen sind und nun den Tribut dafür zahlen müssen. Mit einem Mal taucht Maria vor uns auf. Maria ist Deutsche Meisterin. Und Maria hat bisher hier immer die Altersklasse W60 gewonnen. Und obwohl wir uns sagen, nun nur nicht übermütig werden, ist unser Kampfgeist erwacht. Irgendwann geht uns nämlich der Gedanke durch den Kopf, dass dieses mein erster Wertungslauf in dieser Altersklasse ist. Die anderen drei Wettkämpfe in diesem Jahr waren ja im Ausland und da werde ich, im Gegensatz zu Deutschland noch in der W55 gewertet, da ich ja erst zum Ende des Jahres 60 werde. Christel beschließt, dass dieses mein erster Altersklassensieg wird. „Du schaffst das!“ meint sie. „Die letzten 750 m geht es ja nur bergab, da gibst Du richtig Gas“.

Mit einem Mal ist da eine Läuferin hinter mir. Ein Blick über die Schulter; sie könnte in meinem Alter sein. Ich kämpfe! Meine Oberschenkel brennen, meine Zehen schmerzen. Ich gebe alles! Vier Sekunden vor der anderen Läuferin überquere ich die Ziellinie. Dort stellt sich heraus, sie ist in der W55 gestartet und belegt hier ebenfalls den ersten Platz. Im Ziel werden wir mit einem Glas Sekt und einer Rose empfangen und erhalten ein sehr auffällig buntes, sehr schönes Shirt.

Bei der anschließenden Siegerehrung wird jeder einzeln aufgerufen und geehrt und erhält eine Urkunde und Medaille. Für die verschiedensten Kategorien (z.B. jüngster oder ältester Teilnehmer usw.) gibt es Pokale. Der Letzte erhält eine rote Laterne. Anschließend werden viele Preise verlost. Wein, Bücher, Freistarts. Ich gewinne ein kleines Laufbüchlein von Frank Pachura. Darüber freue ich mich sehr. Mit einem Freistart bei einem der vielen schönen Läufe hier in der Gegend hätte ich ja nicht so viel anfangen können. Liegt ja nicht gleich ums Eck.

Hart, härter, PUM. Ja das war es! Eine wunderschöne Veranstaltung, sehr zu empfehlen. Danke an alle Beteiligten.